Des Campers Klo

Tillmann liebt sein Eigenheim.
Und er liebt es draußen zu sein.
Er liebt seinen bunten Vorgarten,
Und er liebt die grauen Betonstraßen.
Er liebt es in fremde Kulturen abzutauchen,
wenn es dort schmeckt wie Zuhause.
Er liebt die grenzenlose Freiheit, innerhalb eines Rechtsstaatenraums.
ANARCHIE! und Abenteuer, aber innerhalb seines Gartenzauns.

“Man! Könnte ich doch all das kombinieren” , beginnt Tillmann zu sinnieren,
“also entweder meine Immobilie mobilisieren oder mein Automobil immobilisieren?!”
Dann der Geistesblitz – ein Wohnmobil muss her,
und zwar groß, teuer und schwer.

Wie zuhause soll es sein – mit allem PiPaPo.
Gartenzaun, Wandtattoo und natürlich Klo.

“Moment mal”, fragt der unwissende Pöbel sich,
“ein Klo im Auto? Ist das denn möglich?” Ääh, ja!
“Okaaay, aber ein Klo im Auto – ist das denn nötig?” Ääh, tja?

Für ihn schon. Denn Tillmann freut sich nicht nur bald auf heißen Reifen,
den Globus zu umkreisen und die Länder zu bereisen,
Nein, am allerallermeisten,
freut er sich darauf, in sein Auto zu scheißen!

Aber ein Camper kostet halt richtig viel Geld.
Geld, das Tillmann locker von der Bank erhält,
weil er aus seinem Umfeld den Tipp erhält,
dass man Bankern besser nicht alles erzählt.
Also betont Tillmann bei der Bank die Wertstabilität seiner Wohnmobilität,
langlebig und solide. Ein Wohnmobil lässt sich sogar teurer wieder verkaufen.
Kaufinteressenten werden sich überbieten und die Bude einlaufen.

Und der Banker ist euphorisiert, vibriert vor schierer Gier und finanziert.
Er ahnt ja nicht, dass Tillmann in diese Investition reinkacken wird.
Und zwar so oft es nur geht.
Das war´s mit der Wertstabilität.

Und so, nach ein paar Monaten,
steht er endlich da, sein Wohnwagen.

Endlich! Die grenzenlose Freiheit, ein rollender Thron.
wo wird es hingehen, auf welche Expedition?
Vielleicht falschparken in den Karpaten?
Oder tagträumen an den Zapfsäulen?
Falsch abbiegen in den Dolomiten?
In den Alpen ein Ticket erhalten?
In Spitzbergen geblitzt werden?
Oder mit Blick auf die schönsten Stauseen im Stau stehen?
Oder aber für den Sonnenaufgang extra früh aufstehen – und im Stau stehen?
oder einfach nur im Stau stehen – und sich dabei aufregen?

“Geil, endlose Möglichkeiten. Die Welt wartet auf uns, mein Schatz.”
sagt er zu seiner Frau und fährt und fährt- auf den nächsten TÜV- geprüften Campingplatz,
Zu diesem Platz wollte er doch extra deswegen hin,
weil die Toiletten so sauber und hygienisch sind.

Aber wird er sie auch nutzen? Nein?
Schließlich hat er ja sein eigenes Badezimmer dabei.
Bade- “Zimmer”. Als wäre es ein Raum aus Stein.
Und nicht einfach ein hauchdünnes Pergament,
das seinen Donnerbalken vom Wohnbereich abtrennt.

Szenenwechsel. Grillabend am Camper. Tillmann lädt ein zum Gaumenschmaus.
“Boaaah!” stöhnt Tillmann und tätschelt platschend seinen gluckernden Bauch.
“Das letzte Stück Schweinenacken war echt zuviel”
Seine Frau wird nervös, weil er schon gierig zum “Badezimmer” schielt.

Schweißperlen auf der Stirn, ihm wird unglaublich warm.
Aus seinem Darm erklingt etwas wie Fanfaren –
oder Walgesang muuuaaaaah

Der Inhalt seines Magens,
will mit aller Macht ins Innere seines Wagens.
Alles muss raus. Tillmann stöhnt und schnauft.

Er antwortet nur noch einsilbig, starrt regungslos Richtung Toilettenraum.
Bewegt sich nicht, wie ein Reh im Abblendlicht,
seine Frau fixiert ihn mit hartem Blick,
aber das bemerkt ihr Gatte nicht.

Aus dem fixierenden wird jetzt ein bohrender Blick.
Sie droht, bettelt, motiviert, schüchtert ihn ein.
fleht, bittet, kommandiert, trichtert ihm ein,
faucht, fordert, appelliert, flüstert ihm ein,
er soll mit seinem verdammten Häufchen,
wie jeder normale Mensch zum verdammten Toilettenhäuschen.

All das liegt in ihrem Blick.
Aber er, er reagiert noch immer nicht.
Will er sie nicht sehen?
Nun füllen sich ihre Augen mit Tränen.

Telepathisch versucht sie ihm zu sagen:
“Reiß dich zusammen, denk daran, dass wir Gäste haben.
Der erste Abend mit den netten Leuten der Nachbarparzelle,
und wenn du jetzt kacken gehst, garantiert auch der Letzte.”

Und er versteht jetzt, was seine Frau ihm sagen will.
Nach 20 Jahren Ehe versteht man sich im Grunde blind.
Ja, er kennt ihre Gedanken schon.
Aber ein König der Landstraße gehört auf seinen Thron.

Jetzt sitzt er auf seinem winzig kleinen Klo voller Chemie.
Zusammengekauert, die Ohren auf Höhe der Knie,
Übelriechende Schwaden umwabern
in schillernden Farben seine Waden.
Jeder Pups erhöht den Überdruck in der Kabine,
und sendet eine weitere Lawine,
fauliger Gerüche,
durch den fingerbreiten Türspalt in die Küche.

Innerlich sterbend, aber äußerlich souverän wie immer,
hüstelt Tillmanns Frau die donnernde Geräuschkulisse weg,
während sie feststellt,
dass das Wetter ja echt verrückt spielt pups und sowieso der Sommer früher puuuuups
und sie haben ja vielleicht einen hübschen Pullover puups puups puups”
und sind sie eigentlich häufiger puuuuuuuuuups Platsch

Aber auch der schlimmste Sturm zieht vorüber.
Tillmann kommt freudestrahlend wieder
und quetscht sich gut gelaunt auf das Sitzbänkchen,
vor Aufregung und Anstrengung glühen die roten Pausbäckchen.

Er blickt in die fragenden Augen seiner Gäste,
die rätseln in welcher Ecke der Toilette,
er sein Häufchen wohl versteckte?

Die Antwort ist so verstörend wie einfach.
Es liegt unterhalb der Toilette in einem “Geheimfach”.
Da liegt der Haufen in einem Eimer, in einem Karton, unter Verschluss,
so dass Tillmann es später dann entsorgen muss.

Und zwar exakt in den Toilettenanlagen,
die ihm abends noch zu weit entfernt waren.
Aber egal, der nächste Morgen graut.
Tillmann steht früh auf, schließlich ist ja Urlaub.

Links die E- Zigarette, rechts sein randvoller Wurst- Karton,
schlendert er lässig über den Camping- Platz wie ein Modell von Louis Viton.
Merkwürdig finden das aber nur Loser- Camper mit Bulli und Zelt,
diese Unterschicht, die sich in Toilettenschlangen stellt.

Sanft lächelnd und voller Güte blickt er auf diesen Pöbel,
der nicht die finanzielle Freiheit besitzt, sein Auto vollzuknödeln.
Zurück im Camper grübelt Tillmann und wundert wo,
es wohl noch gebraucht werden könnte, so ein mobiles Super- Klo.

Da fällt es ihm ein, na klar, hundert pro.
sofort beginnt er zu tüfteln, an einer Lösung für das Großraumbüro.

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